Wanderung zum Vajskovský-Wasserfall
Das Wochenende rückt näher, und die Vorhersage kündigt sonniges Wetter ohne Gewitter an. Mit anderen Worten: ideale Bedingungen zum Wandern und zugleich eine Flucht vor sommerlichen Temperaturen um die dreißig Grad. Diesmal habe ich mehrere Ausflugsideen, doch beim Einschlafen fällt die endgültige Entscheidung: der Vajskovský-Wasserfall. Ich möchte die Erkundung dieses Teils der Niederen Tatra abschließen. Auf der Vajskovská Skalka war ich bereits, auch wenn das ganz sicher nicht bedeutet, dass ich dort zum letzten Mal gewesen bin. Diesmal zieht es mich jedoch weiter hinunter, ins Tal – zu Wasser, Wald und Stille. Am Morgen starte ich um 7.00 Uhr mit einer Busverbindung und steige in Brezno um. Der motorisierte Teil meines Ausflugs endet gegen 8.45 Uhr in Krupová. Sechs Personen steigen aus dem Bus: fünf Heidelbeersammler, die kurz darauf irgendwo im Wald verschwinden ... und ich.
Von Krupová nach Kosodrevina
Die erste halbe Stunde auf dem Weg nach Kosodrevina vergeht schnell. Schon bald stehe ich an einer Weggabelung und wähle die blaue Markierung in Richtung Príslop-Sattel. Von diesem Moment an bin ich ohne Begleitung unterwegs, und das bleibt noch lange so. Die ersten Meter sind sehr angenehm. Der Weg verläuft entlang der Höhenlinie und bietet schöne Ausblicke auf die Hänge von Chopok, Dereše und Baba. Die Drevenica pod Derešmi, wo sich eine weitere Kreuzung befindet, erreiche ich nach knapp 45 Minuten. Hier verabschiede ich mich von der blauen Markierung und folge der gelben.
Auf der gelben Markierung in einen stilleren Teil der Berge
Die gelbe Markierung beginnt mit einem Abstieg durch dichtes Waldgebiet. Die Atmosphäre wirkt deutlich wilder, und stellenweise habe ich das Gefühl, hinter den Bäumen könnte ohne Weiteres ein Räuber auftauchen. Deshalb lege ich diesen Abschnitt lieber etwas zügiger zurück. Danach folgt eine kurze, aber weniger übersichtliche Passage an einem lebhaften Bach. Der Weg ist hier von üppiger Vegetation überwuchert, und man muss genau darauf achten, wo er verläuft. Nachdem ich auch dieses Hindernis überwunden habe, erwartet mich ein angenehmer Weg bis zur Kreuzung vor Pálenice. Dort ist ein hölzerner, zweizinkiger Wegweiser mit einem Schild nicht zu übersehen. Er macht eindeutig klar: Hier muss man zum Wasserfall abbiegen. Ich folge dem Hinweis und beginne, leicht zu meinem geplanten Ziel anzusteigen.
Zum Wasserfall
Dieser Teil der Route hat eine außergewöhnliche Atmosphäre. Es ist genau jene Art von Bergromantik, für die sich ein Abstecher vom Hauptweg lohnt. Zwischen den Kletten entdecke ich eine alte Holzhütte, die aussieht, als lägen ihre besten Jahre längst hinter ihr. Angesichts ihres Zustands denke ich mir, dass sie im nächsten Jahr vielleicht schon nicht mehr da sein wird, und fotografiere meinen kleinen Fund lieber sofort. Sie könnte ohne Weiteres als Kulisse in einem Film dienen. Nach ungefähr einer Stunde höre ich das Rauschen des Wasserfalls. Das ist ein gutes Zeichen – ich bin auf dem richtigen Weg. Noch bevor ich ihn erreiche, sehe ich eine Kreuzotter, die sich auf einem Stein sonnt, und schrecke auch ein Tier auf, das hinter dem Reisig hervorgelugt hat. Vielleicht einen Fuchs, vielleicht etwas anderes. Der heutige Tag hat einfach einen Hauch von Wildnis. Der Vajskovský-Wasserfall ist mächtig und laut genug, um sofort die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich bleibe eine Weile bei ihm, spüre die Kraft des Wassers und die Kühle der Umgebung. Als ich weitere Wanderer kommen höre, mache ich Platz und kehre langsam um.
Über Pálenice nach Črmné
Den Rückweg nach Pálenice genieße ich in vollen Zügen. Die Natur wirkt hier ursprünglich, friedlich und unberührt. Hinter Pálenice verändert sich der Charakter der Route allmählich. Der Waldweg geht in eine Asphaltstraße über, die sich auch ideal zum Radfahren eignen würde. Offenbar hat das jemand genauso verstanden. Am Straßenrand komme ich an einem angebundenen Fahrrad vorbei, von dessen Besitzer keine Spur zu sehen ist. Vermutlich gönnt er sich einen eigenen Berg-Duathlon: einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad, den anderen zu Fuß. Bis ich die Endhaltestelle in Črmné erreiche, vergehen noch gut zwei Stunden. Ein lauter Gebirgsbach leistet mir Gesellschaft und rauscht so heftig, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Also wechsle ich zum inneren Monolog. Da ich noch genügend Zeit habe, mache ich vor dem Ende der Wanderung einen Abstecher zum Denkmal für die Lawinenopfer. Es liegt etwa 20 Minuten von der Hauptstraße entfernt. Der Ort wirkt still, ernst und ein wenig bedrückend. Beim Anblick des Denkmals wird mir bewusst, dass die Natur immer gewinnt und der Mensch ihr gegenüber sehr klein ist. Ich bleibe nicht lange. Der dunkle Wald ringsum flößt mir Respekt ein, deshalb kehre ich lieber zurück.
Ein kleiner Irrtum zum Schluss
Die letzten Minuten vor der Abfahrt des Busses verbringe ich sitzend beim Denkmal in Črmné. Und das ist ein Fehler. Denn dies ist gar keine Bushaltestelle. Die befindet sich noch etwa 300 Meter weiter rechts, worauf mich der örtliche Busfahrer beim Einsteigen aufmerksam macht. Zum Glück ist er sehr freundlich und hat Mitleid mit einer allein wandernden Frau, die ihm verzweifelt signalisiert, anzuhalten. In diesem Moment geht mir nur ein Gedanke durch den Kopf: typisch ich. Zum Glück sitze ich im Bus. In Podbrezová steige ich in die Verbindung nach Hause um und kann erleichtert aufatmen. Der Ausflug zum Vajskovský-Wasserfall war anders als Wanderungen auf Bergkämmen. Keine steilen Anstiege, dafür viel Stille, Wasser, Grün und unberührte Natur. Es war ein Tag mit ruhigerem Tempo, aber einer starken Atmosphäre – genau so ein Tag, den man sich in den Bergen gelegentlich gönnen sollte.